Eine Entdeckung auf dem Dachboden
Manchmal verbergen sich die spannendsten Zeugnisse der Baugeschichte dort, wo sie niemand vermutet. So auch in einem Fachwerkhaus in Niederkaufungen. Im Zuge geplanter Sanierungsmaßnahmen wurde der Dachboden des Gebäudes genauer untersucht. Dabei rückte eine unscheinbare verputzte Fachwerkwand in den Blick, die die Eigentümerin Eva Clara Tenzler schon seit ihrer Kindheit faszinierte.
Was zunächst wie einfache Kritzeleien wirkte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als bemerkenswerter Befund: Reste eines historischen „Hessischen Kratzputzes“. Damit wurde ein seltenes Zeugnis traditioneller Handwerkskunst entdeckt, das neue Erkenntnisse zur Baugeschichte Nordhessens liefert.
Ein Glücksfall für die Denkmalpflege
Die heute auf dem Dachboden sichtbare Wand war ursprünglich die Außenseite eines Giebels. Durch eine spätere Erweiterung des Hauses wurde sie zur Innenwand und blieb dadurch über Jahrhunderte vor Witterungseinflüssen geschützt. Eine Katasterkarte aus dem Jahr 1782 zeigt das Gebäude bereits in seiner heutigen Länge. Damit steht fest, dass der Kratzputz vor diesem Zeitpunkt entstanden sein muss. Während zahlreiche historische Kratzputze im Laufe der vergangenen Jahrhunderte durch Wind, Regen, Fassadenerneuerungen oder veränderte Gestaltungsansprüche verloren gingen, blieb dieser Befund durch die Erweiterung des Hauses nahezu wie in einer Zeitkapsel erhalten.
Für die Denkmalpflege stellt dies einen besonderen Glücksfall dar. Die zuständige Bezirkskonservatorin Rebekka Schindehütte erkannte rasch die Bedeutung des Fundes. Um weitere Schäden zu verhindern, veranlasste das Landesamt für Denkmalpflege eine restauratorische Notsicherung. Die Wand wurde zunächst stabilisiert und zum Schutz vor Erschütterungen und Verschmutzungen vorübergehend abgedeckt. Nach Abschluss der laufenden Sanierungsarbeiten soll ein Konservierungskonzept für die langfristige Erhaltung erarbeitet werden.
Mehr als nur „Kratzputz“
Der sogenannte „Hessische Kratzputz“ ist eine traditionelle dekorative Putztechnik, die ihre Wurzeln in der ländlichen Bautradition des 17. Jahrhunderts hat.
Die Bezeichnung „Kratzputz“ ist allerdings etwas irreführend. Anders als der Name vermuten lässt, wird bei dieser Technik kein Material abgekratzt. Stattdessen bearbeiten die Handwerker den noch weichen Kalkputz mit unterschiedlichen Werkzeugen. Die Oberflächen werden eingedrückt, eingeritzt, geglättet oder modelliert. Zum Einsatz kamen dabei unter anderem Kellen, Holzspatel, Reisigbündel oder sogar die Finger.
Die Untersuchung des Kaufunger Befundes zeigt typische Merkmale dieser Handwerkstechnik. Auf einem Strohlehm-Unterputz wurde ein Kalkputz aufgetragen, dessen Oberfläche zunächst strukturiert und anschließend mit ornamentalen Mustern gestaltet wurde. Die erhaltenen Ornamente zeigen abstrahierte florale Formen und verdeutlichen den gestalterischen Anspruch, der selbst bei ländlichen Wohngebäuden eine wichtige Rolle spielte.
Seit 2016 ist der Hessische Kratzputz als immaterielles Kulturerbe anerkannt und gilt als bedeutender Bestandteil regionaler Handwerkstraditionen.
Bedeutung für die Baugeschichte Nordhessens
Besonders bemerkenswert ist die Lage des Fundortes. Bislang galt die Region um Gudensberg als nördliche Verbreitungsgrenze des Hessischen Kratzputzes. Der Nachweis in Niederkaufungen erweitert dieses bekannte Verbreitungsgebiet nun deutlich nach Norden.
Zugleich bestätigt der Fund historische Hinweise zur früheren Verbreitung dieser Gestaltungstechnik im Raum Kaufungen. Bereits im Jahr 1910 veröffentlichte Aloys Holtmeyer im Werk „Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel“ Beobachtungen zu Kratzputzmustern in Niederkaufungen. Er beschrieb dort ornamentierte Gefachputze mit charakteristischen Linien- und Spiralformen. Angaben zu Anzahl oder genauer Lage der Gebäude machte er jedoch nicht.
Heute sind solche Befunde jedoch nahezu verschwunden. Der Dachbodenfund stellt deshalb einen seltenen und wichtigen Nachweis dieser einst offenbar weiter verbreiteten Gestaltungstechnik dar.