Restaurierungswerkstatt mit Urnen

hessenARCHÄOLOGIE

Archäologie der SuedLink-Trasse

Gemeinsame Pressemitteilung mit TransnetBW. Bei bauvorbereitenden Ausgrabungen im Zuge der SuedLink-Trasse wurden in Witzenhausen- Unterrieden bedeutende archäologische Befunde und Funde entdeckt. Zwei Urnen wurden nun in der Restaurierungswerkstatt der hessenARCHÄOLOGIE genauer untersucht.

Metallzeitliche Urnen in Witzenhausen-Unterrieden entdeckt

Freigelegt wurden die Urnen im Auftrag des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW durch die Grabungsfirma INFRA JV. Im Ackerland entdeckte das Grabungsteam unter der Leitung von Andreas König M.A. eine Grube und 14 Bestattungen eines vermutlich spätbronzezeitlichen Friedhofs. Die Befunde lagen dicht unter der heutigen Oberfläche und waren unterschiedlich stark durch den Pflug beschädigt. Es handelt sich um neun Urnengräber und um fünf Steinsetzungsgräber mit Brandbestattungen aus der späten Urnenfelderzeit (1200-800 v. Chr.) und der darauffolgenden frühen Eisenzeit oder Hallstattzeit (800-450 v. Chr.).

„Die Entdeckung ist zugleich ein Beispiel für die bedeutende Rolle der Archäologie bei SuedLink. Als eines der größten Infrastrukturvorhaben Deutschlands und mit dem bislang längsten archäologischen Querschnitt durch das Bundesgebiet, eröffnet SuedLink einzigartige Einblicke in vergangene Kulturlandschaften. Die frühzeitigen archäologischen Untersuchungen stellen sicher, dass dieses Erbe fachgerecht dokumentiert und bewahrt wird, bevor es durch die Bauarbeiten dauerhaft verändert werden könnte“, sagt Daniel Metten (TransnetBW), Projektsprecher Hessen.

Urne in der Restaurierungswerkstatt

Ausgegraben wurde das Brandgräberfeld nordwestlich von Unterrieden im Februar dieses Jahres inmitten einer Kälteperiode unter nicht optimalen Witterungsbedingungen. Daher entschied sich das Grabungsteam dafür, zwei gut erhaltene Urnen komplett zu bergen. Diese wurden zur weiteren Untersuchung und Freilegung in die Restaurierungswerkstatt der hessenARCHÄOLOGIE nach Wiesbaden gebracht. Hier erfolgte eine Feinausgrabung unter Werkstattbedingungen, um möglichen Besonderheiten des Bestattungsbrauchs auf die Spur zu kommen.

Schon die ersten Röntgenbilder in der Restaurierungswerkstatt waren vielversprechend. In der kleineren der beiden handgefertigten Urnen wurde nach anthropologischer Einschätzung ein Kleinkind beigesetzt. Neben dem Leichenbrand fand sich bei der Freilegung zudem ein Trinkgefäß mit Zylinderrand und bauchigem Unterteil. Am Boden der Urne lag noch ein zierlicher, verbrannter Bronzering, der sich bereits im Röntgenbild gut abgezeichnet hatte. Neben der kleineren Urne fanden sich zudem weitere Scherben, welche einem früheren Deckgefäß zugeordnet werden können. Dieses sollte einst die Bestattung vor dem Eindringen des umliegenden Erdreichs bewahren.

Röntgenbild Urne

Aktuell wird die größere der beiden Urnen schichtweise von der Restauratorin Milena Temelkova-Grigorova freigelegt. Der Gefäßrand wurde durch den Pflug beschädigt und fehlt. Im Inneren des bauchigen Gefäßes zeigten sich bei der Röntgenuntersuchung vier rundliche Bronzeobjekte, nach denen bei der vorsichtigen weiteren Freilegung gesucht wurde. Das größte der vier Objekte, eine verzierte Eikopfnadel, konnte inzwischen freigelegt werden.

Bestatteten unsere Vorfahren in der vorangehenden Hügelgräberbronzezeit ihre Verstorbenen unter großen Grabhügeln, so ging man in der Urnenfelderzeit (1200-800 v. Chr.) zur Verbrennung der Toten und Beisetzung in flachen Urnengräberfriedhöfen über. Während sich diese aus Südosteuropa stammende Art der Brandbestattung in Südhessen rasch durchsetzte, wurden die neuen Jenseitsvorstellungen in Nordhessen zögerlicher angenommen. Auch in der frühen Eisenzeit blieb man den urnenfelderzeitlichen Traditionen noch länger treu.

Im nördlichen Umfeld der Fundstelle wurden bereits 1825 fünf Urnen mit Leichenbrand ausgegraben und erwähnt. Die nächste Meldung stammt aus dem Jahr 1907, als General Gustav Eisentraut als Vorsitzender des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde Ausgrabungen durchführte. Damals wurden an mindestens 34 Stellen Reste von Brandbestattungen und Befunde mit Gefäßen wohl aus der Spätbronzezeit (Urnenfelderzeit) und der Eisenzeit (Hallstattzeit) entdeckt. Die genauen Befunde sind wegen fast vollständig fehlender Unterlagen im Einzelnen unbekannt.

„Umso wichtiger ist es, dass wir durch die aktuellen Ausgrabungen nun erstmals Erkenntnisse zur Art und Anlage der Gräber erhalten“, erläutert die zuständige Bezirksarchäologin Dr. Eveline Saal von der hessenARCHÄOLOGIE.

Die aktuellen archäologischen Ausgrabungen belegen zusammen mit den überlieferten Altgrabungsdokumenten, dass die Werraauen nördlich von Unterrieden seit der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit als Bestattungsplatz bevorzugt wurde. Eine möglicherweise zugehörige Siedlung wurde im Gewerbegebiet Unterrieden unter dem Baulager der SuedLink-Trasse entdeckt. Nachdem das Baulager vor Ort abgezogen sein wird, können die Siedlungsreste weiter freigelegt werden und geben dabei hoffentlich ihre Geheimnisse weiter preis. Insgesamt zeigen die Siedlungsstellen und die Bestattungsplätze in Unterrieden eine intensiv von Menschen genutzte und günstige Siedlungslandschaft am Lauf der Werra an.

Nach der Freilegung und Dokumentation in der Restaurierungswerkstatt werden die Fundstücke und Unterlagen mit den Fundobjekten aus den restlichen Gräbern wieder zusammengeführt. Danach kann sich eine wissenschaftliche Untersuchung des kleinen Gräberfeldbereichs anschließen.

Über SuedLink

SuedLink ist mit einer Länge von rund 700 Kilometern das zentrale Infrastrukturvorhaben der Energiewende. SuedLink wird als Gleichstrom-Erdkabelverbindung die windreichen Regionen Norddeutschlands mit Bayern und Baden-Württemberg verbinden. Die Leitung wird von den beiden Übertragungsnetzbetreibern TransnetBW und TenneT realisiert. TenneT ist für den nördlichen Trassenabschnitt und die Konverter in Schleswig-Holstein und Bayern zuständig, TransnetBW verantwortet den südlichen Trassenabschnitt und den Konverter in Baden-Württemberg.

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Pressekontakt

Lars Görze M.A.

Pressestelle

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Landesamt für Denkmalpflege Hessen
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Schloss Biebrich/Ostflügel
65203 Wiesbaden

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