Man sieht ein Detail der wiederhergestellten Blechschindelfassade in NIederurff, einem Ortsteil von Bad Zwesten im Schwalm-Eder-Kreis.

Bau- und Kunstdenkmalpflege

Historische Blechschindeln: Sanierungsprojekt in Niederurff steht für nachhaltige Baukultur

Eine ehemalige jüdische Metzgerei im Ortskern von Niederurff, einem Ortsteil von Bad Zwesten im Schwalm-Eder-Kreis, wurde zu einem besonderen Schmuckstück, weil der Eigentümer, Dr. Stefan Pollmächer, genau hingeschaut und den Wert der historischen Blechschindelfassade erkannt hat und sich dafür entschied, sie nicht zu entsorgen sondern zu erhalten.

Am Anfang stand die Untersuchung

Gemeinsam mit zwei Restauratoren untersuchte Pollmächer diese besondere, seit dem 19. Jahrhundert europaweit vorkommende Art der Fassadenverkleidung. Die Schindeln wurden sorgfältig dokumentiert, nummeriert und behutsam abgenommen. Nach erfolgter Reinigung und Aufbereitung wurden sie wieder an die Fassade angebracht. Verformte Elemente konnten mit Hilfe von Wärme wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht werden, nur dort, wo keine Reparatur möglich war, wurden bauzeitliche Schindeln aus anderen Baustellen ergänzt. Eine besondere Herausforderung stellten die Übergänge und die bauliche Schieflage des Gebäudes dar, für die eigens ein neues angepasstes Raster entwickelt wurde.

Die Instandsetzung als Modellprojekt

Auch für die beiden Restauratoren war diese Maßnahme ein Experiment, das nun wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert wird, damit das gewonnene Wissen zukünftig auch auf andere Gebäude übertragen werden kann. Die Instandsetzung der historischen Blechschindelfassade in Niederurff sei  in vielerlei Hinsicht Neuland gewesen. Viele Techniken mussten hätten neu gedacht, historische Materialien neu bewertet und handwerkliche Lösungen eigens entwickelt werden müssen, sagt Philipp Alexander Sojka, Restaurator und Goldschmied aus Schwalmstadt. Dass es gelungen sei, daraus ein Modellprojekt zu machen, zeige, wie wichtig Mut, Fachwissen und die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten vor Ort seien, ergänzt Rainer Scherb, Schreinermeister und Restaurator aus Gilsa. Blechschindeln seien sehr gut formbar, böten Schutz vor Korrosion und entfalteten eine eigenständige, zeitlose Ästhetik.

Wer Schindeln findet oder braucht, soll sich bitte melden

Das Ergebnis ist eine liebevoll wiederhergestellte Fassade mit einem ganz besonderen Charme. „Ich gehe davon aus, dass für die nächsten 100 Jahre an der Fassade Ruhe ist“, so Pollmächer, der jetzt ein Lager für historische Blechschindeln eingerichtet hat. Interessierte können sich gerne bei ihm melden, wenn sie historische Blechschindeln entsorgen oder ihre Fassade reparieren wollen.

Das Projekt verdeutlicht eindrucksvoll, wie Denkmalpflege, handwerkliches Können und Ressourcenschonung ineinandergreifen können.

Elke Hamacher Bezirkskonservatorin LfDH
Marburg

Blechschindeln als Musterbeispiel für Wiederverwendung von Baustoffen

Hamacher erläuterte zudem, dass Blechschindeln sich auf Dachböden fänden, in Scheunen oder bei Sanierungsmaßnahmen. Derart langlebige historische Materialien seien besonders wertvoll, da sie sich – ebenso wie viele andere historische Baustoffe – hervorragend für die Wiederverwendung eigneten. Das Projekt setze wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Baukultur und sei ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen und gelebte Denkmalpflege. Die Umsetzung der vorbildlichen Maßnahmen wurde mit Denkmalfördermitteln des Landes unterstützt.

Hintergrund

Der historische Ortskern von Niederurff mit der Burg wurde als charakteristisches Beispiel einer von der Landwirtschaft, einem Adelssitz und einer Wehrkirche geprägten Ortsentwicklung in die Liste der Kulturdenkmäler in Hessen eingetragen. In der Ortsmitte befindet sich auch die ehemalige jüdische Metzgerei als Teil einer giebelständigen Straßenbebauung. Das Gebäude in der Parkstraße 12 trägt maßgeblich zum Denkmalwert der Gesamtanlage, die aus Fachwerkgebäuden des 18. und 19. Jahrhunderts besteht, bei und ist bis heute ein wichtiger Teil der jüdischen Geschichte des Ortes.

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen zum Thema liefert das Arbeitsblatt "Historische Fassadenbehänge aus Blech", das in der Reihe der Johannesberger Arbeitsblätter erschienen ist und über die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg in Fulda erworben werden kann: 

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