Im Vordergrund Menschengruppe im Garten der Hofanlage, Fachwerkhäuser und Informationstafeln zur Sanierung im Hintergrund

Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Denkmalpflege und gemeinschaftliche Revitalisierung einer historischen Hofanlage

Im Stadtteil Mühlhausen der nordhessischen Stadt Homberg (Efze) wurde eine über Jahrzehnte leerstehende Hofanlage durch viel privates Engagement und Eigenleistung grundlegend restauriert und revitalisiert.

Wie es dazu kam

Hille und Horst Oltmer erwarben 2014 die Hofanlage, um diese vor dem Abriss zu bewahren. Die Hofanlage liegt im Zentrum von Mühlhausen und ist ortsbildprägend, galt aber lange als Schandfleck. Zunächst war lediglich die Instandsetzung der Dacheindeckung vorgesehen, um weiteren Substanzverlust zu verhindern. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit ein weit umfangreicheres Sanierungsprojekt und die Baustelle wurde zu einem Projekthof, auf dem gemeinsam gearbeitet, neue Ideen entwickelt und alte Handwerkstechniken ausprobiert werden.

Was genau passiert

Nach Feierabend werden die Oltmers tatkräftig von freiwilligen Helfern unterstützt, um die Sanierung des aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Fachwerkhauses auf einem 6000 Quadratmeter großem Grundstück in Eigenleistung zu stemmen. Horst Oltmer, selbst Restaurator, ist wichtig, dass das Gebäude attraktiv und ökologisch zu Wohnzwecken saniert wird. Heute ist dies in Teilen schon Wirklichkeit geworden.

Raum zur gemeinschaftlichen Nutzung

Zudem wurde im Untergeschoss ein Bereich mit Versammlungsraum und Küche eingerichtet, der den Bewohnern und der Ortsgemeinschaft als Treffpunkt dient. Ebenso wurde ein Backhaus mit Lehmbackofen auf der Hofanlage errichtet. Hier treffen sich die neu formierten „Backgruppen“ regelmäßig zum gemeinsamen Backen. Auf dem weitläufigen Gelände hat sich auch die Hühnerkooperative angesiedelt, die auf dem Hof verschiedene Hühnerrassen hält und züchtet. Ein wichtiges Ziel der Oltmers war es, durch die Instandsetzung neues Leben in die Hofanlage zu bringen. Dies ist ihnen mehr als nur gelungen.

Die Dorfgemeinschaft und die freiwilligen Helferinnen und Helfer können sich mit dem Projekt identifizieren. Sie treiben es auch nach eigenen Vorstellungen voran und weiter als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben.

Hille und Horst Oltmer

Grundsätze der Instandsetzung

Grundsätzlich war es Hille und Horst Oltmer wichtig, die historische Substanz, wenn möglich zu erhalten oder nur zu ergänzen. Auch wurden vorhandene Materialien recycelt oder an anderer Stelle wiederverwendet. So wurden etwa die Dachflächen mit bauzeitlichen Ziegeln neu eingedeckt. Die historischen Fenster und Türen wurden instandgesetzt und Treppenanlagen sowie Fußböden aufgearbeitet. Wiederverwendeter Lehm kam als traditioneller Baustoff erneut zum Einsatz. Wo originale Bauteile fehlten, wurde behutsam auf der Grundlage bauhistorischer Befunde ergänzt. Hierzu wurden spezifische Holzprofile eigens angefertigt, um Türblätter, Zargen oder Geländerteile mit identischer Profilierung zu den erhaltenen Originalelementen herstellen zu können. Ebenso legten die Oltmers großen Wert auf die Natürlichkeit der verwendeten Materialien und so folgte die Materialwahl einem klaren ökologischen Leitgedanken: Holz, Lehm und Kalk bilden die Grundlage der Maßnahmen und unterstreichen den Anspruch einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Bauweise.

Was die Maßnahme besonders auszeichnet

Bemerkenswert ist die hohe Eigenleistung der Beteiligten. Unter der fachlichen Mitwirkung von handwerklich und restauratorisch qualifizierten Personen, konnten sämtliche Gewerke durch Mitwirkende der Projektgemeinschaft abgedeckt werden. In der Summe flossen mehrere tausend Stunden ehrenamtliche Arbeit in die Wiederherstellung des Hofensembles. Neben der klassischen Instandsetzung wurde auch experimentell gearbeitet: Ein eigenes Dämmsystem auf Basis von Blähton-Lehm-Gemischen in Holzschalungen entstand durch wiederholte Erprobung und stellt eine innovative Verbindung traditioneller Materialien mit zeitgemäßen bauphysikalischen Anforderungen dar.

Es geht noch weiter

Wer nun aber meint, das Projekt sei damit abgeschlossen gewesen, der liegt falsch: Neben der Hofanlage steht ein altes Fachwerkhaus, das bereits zum Abriss freigegeben war. Familie Oltmer kaufte es und bewahrte so das historische Haus von 1797 vor dem Verschwinden. Durch intensive Recherche stellt sich heraus, dass das Haus einst Wohnsitz des „Greben“ war, eines Dorfvorstehers – vergleichbar mit dem heutigen Amt des Bürgermeisters. Entsprechend repräsentativ war es ausgestattet, mit Lehmstuckdecke, Goldtapete und marmorimitierenden Malereien. Im Zuge der Sicherungs- und Aufräumarbeiten wurde das sogenannte „Grebezimmer“ entdeckt. Die Amtsstube wies qualitätvolle Stuckarbeiten, barocke Farbfassungen sowie originale Boden- und Fensterelemente auf und konnte nahezu vollständig wiederhergestellt werden. Das Dach des Gebäudes wurde mit wiederverwendeten Ziegeln und traditionellen Strohdocken neu gedeckt, womit eine weitere historische Handwerkstechnik zur Anwendung kam. Ebenfalls ist bei ersten Sanierungsarbeiten Kratzputz gefunden worden. Seit 2016 gilt Hessischer Kratzputz als immaterielles Kulturerbe.

Zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Maßnahme

Das Projekt verbindet denkmalpflegerische Präzision mit sozialräumlicher Funktionalität. Der Projekthof in Mühlhausen steht exemplarisch für eine Form der Denkmalpflege, die handwerkliche Exzellenz, ökologische Materialethik und bürgerschaftliches Engagement in einem integrativen Ansatz vereint und historische Bausubstanz als aktiven Bestandteil gegenwärtiger Lebenswelten begreift.

Ist Ihr Interesse geweckt? Die Oltmers laden Interessierte herzlich dazu ein, die Hofanlage und das Grebezimmer zu besichtigen. 

Schlagworte zum Thema